Immunsuppressiva und Haut: Ein unterschätztes Risiko

Nach einer Transplantation nehmen Sie lebenslang Immunsuppressiva. Diese Medikamente sind lebensnotwendig – sie verhindern, dass Ihr Körper das neue Organ abstösst. Doch sie haben eine Nebenwirkung, die viele Transplantierte unterschätzen: Sie machen die Haut deutlich empfindlicher gegenüber UV-Strahlung und erhöhen das Risiko für Hautkrebs erheblich.

Studien zeigen, dass Transplantierte bis zu 100-mal häufiger an Plattenepithelkarzinom – einer Form von hellem Hautkrebs – erkranken als die Allgemeinbevölkerung. Das klingt erschreckend, aber mit dem richtigen Sonnenschutz nach der Transplantation können Sie dieses Risiko deutlich senken. Dieser Beitrag zeigt Ihnen, wie.

Warum Immunsuppressiva die Haut so anfällig machen

Ihr Immunsystem hat normalerweise zwei wichtige Aufgaben: Es bekämpft Krankheitserreger – und es erkennt und zerstört entartete Zellen, bevor sie zu Krebs werden. Immunsuppressiva dämpfen genau diese Schutzfunktion. Das bedeutet: Zellen, die durch UV-Strahlung geschädigt wurden und sich unkontrolliert teilen könnten, werden vom geschwächten Immunsystem weniger zuverlässig erkannt und beseitigt.

Dazu kommt, dass bestimmte Immunsuppressiva – allen voran Azathioprin (Imurek) – die DNA der Hautzellen zusätzlich lichtempfindlicher machen. UV-A-Strahlung kann in Kombination mit Azathioprin Schäden verursachen, die normalerweise nur durch viel intensivere Strahlung entstehen würden. Auch Calcineurin-Inhibitoren wie Ciclosporin und Tacrolimus sowie mTOR-Inhibitoren wie Everolimus beeinflussen das Hautrisiko auf verschiedene Weisen.

Sprechen Sie mit Ihrem Transplantationszentrum darüber, welche Medikamente Sie einnehmen und welche spezifischen Risiken damit verbunden sind. Die Risikobewertung ist individuell.

Welchen Lichtschutzfaktor brauchen Transplantierte?

Die klare Empfehlung für Transplantierte lautet: Lichtschutzfaktor (LSF) 50+ – und das täglich, nicht nur am Strand. Auch an bewölkten Tagen erreichen bis zu 80 Prozent der UV-Strahlung die Erdoberfläche. Fensterscheiben filtern UV-B, aber kaum UV-A. Wer täglich Auto fährt oder am Fenster sitzt, ist also ebenfalls exponiert.

LSF 50+ blockiert rund 98 Prozent der UV-B-Strahlung. Wichtig ist aber auch der Schutz vor UV-A-Strahlen, die tiefer in die Haut eindringen und ebenfalls Zellschäden verursachen. Achten Sie auf Sonnencremes mit dem UVA-Siegel im Kreis auf der Verpackung – das garantiert einen ausreichenden UV-A-Schutz gemäss EU-Standard.

Tragen Sie die Sonnencreme grosszügig auf – die meisten Menschen verwenden zu wenig. Für den ganzen Körper rechnet man mit etwa 30 Millilitern (zwei Esslöffel). Und: Sonnenschutz muss alle zwei Stunden erneuert werden, nach dem Schwimmen oder starkem Schwitzen öfter.

Sonnencreme-Inhaltsstoffe: Was Transplantierte beachten sollten

Nicht jede Sonnencreme ist für Transplantierte gleich geeignet. Es gibt zwei grundlegende Typen von UV-Filtern: chemische und mineralische.

Chemische Filter wie Octocrylen, Homosalat oder Benzophenone werden von der Haut aufgenommen und wandeln UV-Strahlung in Wärme um. Einige dieser Substanzen stehen im Verdacht, hormonell wirksam zu sein (sogenannte endokrine Disruptoren). Für Transplantierte, die ohnehin viele Medikamente einnehmen, kann das ein Grund sein, diese Filter zu meiden – auch wenn die Studienlage noch nicht abschliessend ist.

Mineralische Filter – also Zinkoxid und Titandioxid – legen sich wie ein physikalischer Schutzschild auf die Haut und reflektieren UV-Strahlung. Sie werden kaum aufgenommen und gelten als gut verträglich, auch für empfindliche Haut. Viele Dermatologen empfehlen Transplantierten mineralische Sonnencremes bevorzugt.

Achten Sie ausserdem auf Parfümstoffe und Konservierungsmittel wie Methylisothiazolinon, die Hautreizungen auslösen können. Wählen Sie im Zweifel Produkte, die als „für empfindliche Haut geeignet“ oder „dermatologisch getestet“ gekennzeichnet sind. Ihr Dermatologe oder Ihre Dermatologin kann Ihnen eine konkrete Produktempfehlung geben.

Sonnenschutz im Alltag: Mehr als nur Creme

Sonnencreme allein reicht nicht. Für Transplantierte gilt: Sonnenschutz ist eine Kombination aus mehreren Massnahmen.

Was bei Hitze zusätzlich zu beachten ist

Immunsuppressiva können nicht nur das Hautkrebsrisiko erhöhen, sondern auch die Wärmeregulation beeinflussen. Manche Transplantierte vertragen Hitze schlechter als früher. Dazu kommt: Einige Medikamente wirken harntreibend oder beeinflussen den Blutdruck – beides kann bei Hitze zu Kreislaufproblemen führen.

Trinken Sie bei heissem Wetter ausreichend – aber klären Sie mit Ihrem Transplantationszentrum, ob es für Sie eine empfohlene Trinkmenge gibt. Bei Nierentransplantierten etwa gelten manchmal spezifische Vorgaben. Vermeiden Sie körperliche Anstrengung in der Mittagshitze. Suchen Sie kühle Räume auf und achten Sie auf Warnsignale wie Schwindel, Kopfschmerzen oder starkes Schwitzen.

Auch die Lagerung Ihrer Medikamente verdient im Sommer Aufmerksamkeit: Viele Immunsuppressiva dürfen nicht über 25 oder 30 Grad gelagert werden. Lassen Sie Medikamente nie im Auto liegen.

Regelmässige Hautuntersuchungen: Pflicht, nicht Option

Der beste Sonnenschutz nach der Transplantation ist wirkungslos, wenn Veränderungen an der Haut nicht frühzeitig erkannt werden. Transplantierte sollten mindestens einmal jährlich – viele Zentren empfehlen alle sechs Monate – zur dermatologischen Kontrolle. Dazu kommt die regelmässige Selbstuntersuchung: Schauen Sie Ihre Haut systematisch ab und achten Sie auf neue oder veränderte Muttermale, Flecken oder Wunden, die nicht heilen.

Die ABCDE-Regel hilft bei der Selbsteinschätzung: Asymmetrie, Begrenzung (unregelmässig), Colour (Farbe, mehrfarbig), Durchmesser (über 5 mm), Evolution (Veränderung). Wenn eines dieser Merkmale zutrifft, gehen Sie zeitnah zum Arzt oder zur Ärztin.

Informieren Sie Ihren Dermatologen oder Ihre Dermatologin immer über Ihre Transplantation und Ihre aktuellen Medikamente. Das ist für die Beurteilung und Behandlung entscheidend.

Gemeinsam gut informiert: Die STV-Community

Sonnenschutz nach der Transplantation ist ein Thema, das viele Betroffene beschäftigt – und über das man gut sprechen kann. Im 360° Transplant Online-Hub tauschen sich Transplantierte, Wartende und Angehörige zu genau solchen Alltagsfragen aus. Was hat sich bei anderen bewährt? Welche Produkte werden empfohlen? Wie gehen andere mit dem Sommer um?

Ausserdem bietet der STV regelmässig Webinare und Veranstaltungen an, bei denen auch medizinische Fachpersonen zu Wort kommen. Dort erhalten Sie fundierte Antworten – und treffen Menschen, die verstehen, was Sie bewegt.

Wenn Sie noch nicht Mitglied sind: Der STV steht allen Transplantierten, Wartenden, Angehörigen und Lebendspendern offen. Werden Sie jetzt Mitglied und profitieren Sie von Unterstützung, Information und Gemeinschaft.

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